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Die Underdogs von Magdeburg

Für mich stellten diese Deutschen Meisterschaften ein kleines Jubiläum dar: Vor genau 20 Jahren nahm ich an meiner ersten Deutschen Meisterschaft der ISPA in Bad Wiessee teil. In diesem Jahr jedoch wollte ich mit einer „eigenen“ Mannschaft antreten und konnte schon rechtzeitig drei gute Freunde für das Team überzeugen. Traditionell werden über Himmelfahrt die Deutschen Mannschaftsmeisterschaften in drei Wettbewerben ausgetragen – in der 1. Bundesliga (6er-Teams), im Pokal (6er-Teams) und im Liga-Cup (4er-Teams). Im letztgenannten Wettbewerb war, im Gegensatz zu den anderen, eine Vereinszugehörigkeit nicht vorgeschrieben. Und somit konnten wir mit einem Hamburger (Rene Neumann), einem Magdeburger (Robert Mühle) und zwei Berlinern (Julian Nowakowski und ich) eine für mich konkurrenzfähige Truppe an den Start bringen. Bei der Namensvergabe für unser Team orientierte ich mich an einer ersten Gemeinsamkeit: jeder von uns wurde vor 1989 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geboren, weshalb ich uns unter dem Namen 1. SC Neue Bundesländer anmeldete. Auf die zweite Gemeinsamkeit müsst ihr euch noch bis zum Schluss des Berichts gedulden.


Runde 1

Wie die anderen Mannschaftswettbewerbe auch wurde der Liga-Cup über zwei Tage á 3 Runden ausgetragen. Hierbei gingen 48 Teams ins Rennen. In der ersten (zugelosten) Runde bekamen wir es gleich mit zwei von uns stark eingeschätzten Teams zu tun: die Skatfreunde Mittelrhein Koblenz (mit Frank Schumacher, zweifacher Deutscher Einzelmeister und Walter Schneider mehrfacher Seniorenweltmeister) und Young & Old Deluxe II (mit Gerhard Riedel, Michael Schweda und Martin Lehmann). Mit gut 300 Spielpunkten Vorsprung konnten wir bei dieser Konkurrenz mit 4:2 Wertungspunkten sehr zufrieden sein.


Runde 2

Da ab der zweiten Runde nach den Spielergebnissen gesetzt wurde, saßen wir nun auf Position 22 liegend zusammen mit zwei Teams aus Elbmarschen und Rheinhausen am gedanklichen Tisch 6. Hier lagen am Ende drei Mannschaften innerhalb von ca. 190 Punkten beieinander. Durch einen von uns selbst verlorenen Grand mit 2 lagen wir nur 140 Punkte hinter 6:0 und konnten immerhin noch ein 4:2 mit 50 Spielpunkten Vorsprung absichern. Nochmal mit einem blauen Auge davon-gekommen.


Runde 3

An Position 16 liegend konnten wir uns eine Gruppe nach vorn schieben und saßen nun mit Harburg, Sindelfingen und einer Berliner Mannschaft am Tisch. Auch dieses Mal hatte es das Skatglück gut mit uns gemeint. Denn zwei 1400er Listen konnten einen von uns verlorenen Grand ohne 4 ausgleichen und mit 114 Punkten Vorsprung zu 6:0 Punkten verhelfen! Psychologisch nicht zu verachten ist, dass wir den ersten Tag mit 6:0 Punkten und insgesamt 14:4 abschlossen.



Runde 4

Mit einem 7 Platz ging es für uns in den zweiten und letzten Wettkampftag. Nun saßen mit uns ein Team aus Belgien, Koblenz und Berlin am Tisch. Unser zweites Berliner Derby. Ich musste hier bis zum 25. Spiel auf meine erste Spielansage warten – Null (glücklich) gewonnen. Mit 5:0:9 und 730 Punkten konnte ich immerhin als Tischzweiter aus der Liste gehen, somit wenigstens zwei Spieler hinter mir lassen und wir fuhren ungefährdete 4:2 Wertungspunkte ein.


Runde 5

Gleiche Stelle, gleiche Welle. Wir bewegten uns weder vor noch zurück und befanden uns wieder auf dem 7. Platz. Auch dieses Mal musste ich Geduld walten lassen und durfte erst bei Spiel 20 in den Skat schauen. Mit 5:1:5 konnte ich keine 700 Punkte beitragen, wurde aber auch nicht Tischletzter. Doch eine 1465, 1373 und 835 meiner Kameraden verhalfen uns zu 4311 Punkten und damit zu ungefährdeten 6:0 Wertungspunkten.


Runde 6

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass wir in der letzten Runde an Position 2 stehen würden, hätte ich das sofort unterschrieben. Und so war es auch. Das Team aus Belgien (26:4) auf Platz 1, wir (24:6) Platz 2, Skatfreunde Wirges (22:8) auf 3 und Eintracht Peitz (22:8) auf 4. Damit hatten wir es selbst in der Hand. Wenn wir 6 Punkte machen würden und das belgische Team keine 4, würde es für den Titel reichen, da sie 900 Spielpunkte mehr hatten als wir. Auch 4 Punkte würden vermutlich nicht reichen, weil die vier Mannschaften hinter uns jeweils nur 2 Punkte weniger, aber mehr Spielpunkte als wir besaßen.


Nach vier Blöcken stand ich erst 3:0:2, hatte aber schon einen Grand mit 4 gewonnen. Circa fünf Blöcke später erst fiel mir auf, dass der Tabletschreiber mir in Spiel 13 keinen Grand mit 4 sondern ein Pik mit 4 notiert hatte. Es kam zu Tumulten am Tisch. Wir holten einen Schiedsrichter. Da sich niemand mehr außer mir an diesen Grand erinnern wollte, musste der Pik mit 4 gezählt werden. Eine Differenz von 65 Punkten. Für mich eine Katastrophe beim Kampf um den Titel, wenn man bedenkt, wie eng es immer dort vorne zuging. Zum Glück schoben meine Jungs in der Zwischenzeit jedoch ordentlich Punkte, sodass wir im letzten Drittel einen Vorsprung von über 300 Punkten hatten und ich die Ansage bekam, kein Spiel mehr zu reizen. Im Nachhinein stand unser Titel zu diesem Zeitpunkt schon lange fest. Die eigentlichen Dramen jedoch spielen sich nun für die anderen Teams ab! Wirges brauchte im 48. Spiel noch 146 Punkte (also zB. einen Grand mit 3) um Peitz abzufangen und 4:2 zu spielen, was den zweiten Platz bedeuten würde. Und so kam es auch: Gefühlt 10 Leute standen um uns herum und sahen zu, wie der Spieler von Wirges im letzten Spiel diesen Grand mit 3 gewann. Dadurch rutschte Peitz noch auf den 7. Rang ab. Das belgische Team auf den 6. Die Müsselbuben aus Oldenburg erreichten von Platz 10 sogar noch das Treppchen und Young & Old Deluxe (mit 0:6 gestartet) marschierten von Platz 8 auf 4. Und somit hatten 5 Teams von Platz 2 bis Platz 6 ein Punkteverhältnis von 26:10!


Ich bemerkte noch, wie sich meine Mannschaft schon in den Armen lag. Mit knapp 380 Punkten Vorsprung holten wir die so wichtigen 6:0 und erreichten damit dasselbe Ergebnis wie der Vorjahressieger: 30:6! Mit einem Serienschnitt von 5 Punkten wurden wir tatsächlich Deutscher Mannschaftsmeister im Liga-Cup 2024!


Endstand nach 6 Runden beim Liga-Cup 2024:


Wie ihr sehen könnt, weisen wir unter den Top10 Mannschaften deutlich den geringsten Spielanteil auf. Doch offensichtlich ist es nicht zu vernachlässigen, die wenigsten Spiele verlorenen und gleichzeitig die meisten Spiele umgebogen zu haben. Von 231 Mannschaftsspielern gab es nur zwei, die mehr verlorene Gegenspiele einheimsten als meine 43 (was knapp ein Drittel unseres Teams war).


Vor dem Turnier sagte ich zum Team, dass unsere Herkunft nicht die einzige Gemeinsamkeit ist. Was wir auch gemein hatten, war, dass ein jeder schon mindestens einen Titel im Skat erringen konnte. Und so ergänzte ich: „Wäre es nicht großartig, wenn wir nun einen gemeinsamen Titel erkämpfen würden!?“


Wir warten auf den Pott.


Abschließend bewegte Eindrücke von der Siegerehrung:



Sehen wir uns nächstes Jahr zur Titelverteidigung?

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